Der Weg in eine technologisch geprägte Posthumanität bedeutet, dass der Planet und all die Probleme, die dieser inzwischen beheimatet, zurückgelassen werden sollen. Ob dieser Weg – unabhängig davon ob durch ein Aufgehen in der Virtualität oder eine Umsiedelung in den Weltraum – ein nachhaltiger ist bleibt jedoch fraglich. Im Jahr 2020 haben acht Mitgliedsstaaten der NASA den Vertrag des Apollo-Programms Artemis Accords unterzeichnet. Mit diesem werden die Weichen für den Rohstoffabbau und mögliche Eigentumsansprüche auf den Mond und andere Himmelskörper gestellt. Die Regelungen des Vertrages bedeuten in ihrer Konsequenz, dass die Besiedelung und der Zugriff auf Ressourcen des Weltraums weiterhin der kolonialen und kapitalistischen Logik der Ausbeutung folgen wird. Diese hat jedoch über ihr Wirken durch die letzten Jahrhunderte zu den aktuellen Krisen wie Artensterben, Klimakatastrophe, Ressourcenknappheit und Ungleichheit geführt. Auch die beginnende Aufteilung des virtuellen Raums sowie die Fortschreibung von rassialisierenden und diskriminierenden Programmatiken von Algorithmen deuten deutlich darauf hin, dass systemische Probleme der Gegenwart nicht aufgelöst, sondern fortgeschrieben werden.

All dies sind Gründe dafür, dass den Entwürfen von technologisch determinierten posthumanen Entitäten in den vergangenen zwei Jahrzehnten kritische Perspektiven entgegengesetzt wurden. Insbesondere Theoretikerinnen wie Rosi Braidotti, Karen Barad und Donna Haraway denken die Zukunft des Menschen zwar weiterhin auch durch seine technologische Ausweitung, sie wenden sich jedoch deutlich gegen die Vorstellung eines Neuanfangs, der alles "Alte", das Körperliche und damit Materielle, was an den Planeten bindet, zurücklassen möchte. Statt dessen fordern sie die Hinterfragung und eine Neuausrichtung bestehender Dichotomien wie Natur/Kultur. Dazu gehört insbesondere die Dekonstruktion von jenen Binaritäten, die derart etabliert sind, dass sie als natürliche Gegebenheiten erscheinen (so etwa Kategorien des Geschlechts, die Unterscheidung zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Alteritäten sowie die scharfe Trennung von Formen des Wissens).

Die Überwindung des Menschen in Richtung einer posthumanen Existenz gestaltet sich hier folglich insbesondere philosophischer Natur. Vor allem humanistische Vorstellungen, die den Menschen in den Mittelpunkt des Denkens stellen und von diesem aus das Verhältnis zu Tier und Umwelt beurteilen, werden dabei radikal in Frage gestellt. Der Ansatz, das anthropozentrische Denken, in welchem der Mensch sich selbst einen moralischen Sonderstatus gegenüber allen und allem zuspricht, zu überwinden, wird dabei als Bedingung dafür angesehen, den Planeten in eine Phase der Heilung überführen zu können. Anstatt sie zu verleugnen, gilt es sich der Materie zuzuwenden: Sauerstoff, Wasser, Erde, Körper, Umwelt.

Aus diesen Überlegungen heraus werden neue Formen der Subjektivität und Subjektwerdung vorgeschlagen, welche zuvor voneinander getrennte Arten, Kategorien und Bereiche durchziehen und miteinander verbinden. Tiere werden dabei zu einem nicht-menschlichen, gleichberechtigten Gegenüber und Materie wird nicht mehr als passives Äußeres, sondern als diskursiver Bestandteil des Miteinanders verstanden. Sie muss daher angemessen begriffen und vertreten werden.

Der folgende Erzählstrang "Landscape" erforscht ästhetisch die Ausgestaltungsmöglichkeiten dieser Perspektiven und setzt der Normierung des Verhältnisses von Mensch, Land, Tier, Wasser und Landschaft Formen der Heterogenität und Biodiversität entgegen. Dabei wird der Mensch in eine Relation zu seiner Umwelt gesetzt, die sich von dem größenwahnsinnigen Selbstbild des humanistischen Denkens abwendet. Die invertierten Bilder dienen hierbei der Kritik jener Binaritäten, Dichotomien und Denktraditionen aus denen heraus das gegenwärtige Welt- und Selbstbild entstanden ist. Während die Inversionen in dem Erzählstrang "Singularity" visuelle Überlegungen zu alternativen Realitäten darstellen, sind die Inversionen in dem Erzählstrang "Landscape" als eine Aufforderung zur Dekonstruktion der in den Fotos abgebildeten Vorstellungen zu verstehen.

Alexandra Zedtwitz Jiré Emine Gözen